Leseprobe


Shwedagon, die Goldene

 

Für mich ist Shwedagon ein Ort der Begegnungen. Entspannte Begegnung zwischen dem ursprünglichen animistischen Glauben der Myanmaren und dem Buddhismus, dargestellt durch die Figuren der nats, der allgegenwärtigen Geisterwesen Myanmars. Einst soll der König der nats selbst den Gesandten Myanmars den Weg zu Siddharta Gautama unter seinem Bodhi-Baum gewiesen haben. Neugierige Begegnung zwischen Fremden und Einheimischen, die sich gegenseitig ihre Welt erklären und lachend fotografieren. Friedliche Begegnung zwischen Armen und Reichen, die gemeinsam plaudernd den Stupa dreimal im Uhrzeigersinn umrunden. Mächtige Begegnung zwischen Himmel und Erde, wenn früh morgens die ersten Sonnenstrahlen zunächst die Spitze des hti entzünden, sich Stück für Stück nach unten hangeln und mit einem Mal den ganzen Berg entflammen. Wenige Orte auf der Welt, darunter kein einziger von Menschen erschaffener Ort, haben mich von so tiefem Frieden und gleichzeitiger Freude erfüllt wie die Shwedagon. Ob früh morgens oder am frühen Abend, stundenlang sitze ich auf der Plattform, beobachte die Opferrituale, die spielenden Kinder, die fröhliche Ausgelassenheit der Menschen, wundere mich ein bisschen über die „free WLAN“-versprechenden Schilder und Geldautomaten und genieße die ungezwungene, lebendige Atmosphäre. Sie hat nichts von dem dunklen, oft drückenden Kolorit großer Kirchen, von der christlichen Demut, der sehr einseitigen Beziehung von Geschöpf und Schöpfer, mehr Knecht und Herrn. Demut, so scheint mir, ist hier viel mehr ein Begriff von Miteinander, von Gegenseitigkeit. Bietet man den nats eine Kokosnuss, bekommt man von ihnen Gesundheit. Spendet man seinem Tagesbuddha eine Blumenkette, steht einem glücklichen Tag nichts im Wege. Weder nats noch Buddhas fühlen sich gestört durch die angeregten Gespräche, das Lachen und Leben auf der Plattform.

 

Myanmarische Massagen

 

Am Massagesalon angekommen, stehen wir vor einer Treppe, die nach unten in ein schwarzes Loch führt. Dorthinein verschwinden zunächst drei Typen im Jakuza-Style und mit finsterem Blick und qualmenden Zigaretten im Mund.

„Seriously, Adrian?“

„Seriously. Best place in town.“

Also rein. Ich finde mich in einer maulwurfartigen Höhle mit dem Charme einer Schwarzgeldwäscherei zu Zeiten der Prohibition wieder und bekomme zunehmend Zweifel am Wellness-Faktor unserer Operation. Ein kleines Bürschchen wächst neben uns aus dem Boden und führt uns durch diffus beleuchtete Gänge mit wechselndem Holz- und Samtpaneel in einen Raum mit vier Matratzen auf dem Boden, jeweils einem Aschenbecher und einer Packung Kleenex daneben und – ganz wichtig – Flachbild-TV an der Wand. Ich beginne mich zu fragen, ob ich unsere Gastgeber womöglich durch meine weibliche Anwesenheit irritiere. Kurze Zeit später tauchen unsere Masseusen auf, zwei kleine, zierliche Wesen, höchstens ein Meter fünfzig groß und mit Schleifchen im Haar, die den Eindruck machen, nicht einmal Watte kneten zu können. Das täuscht. Nach dreißig Sekunden fangen meine Knochen an zu knacken, nach einer Minute fünfundzwanzig Sekunden treten mir zum ersten Mal die Tränen in die Augen und nach weiteren zwei Minuten starre ich auf einen Fixpunkt an der Decke und versuche krampfhaft, an all die schönen Dinge zu denken, die ich in meinem Leben erlebt habe. Währenddessen werde ich gezogen und geschoben, gedehnt und gedrückt und nach allen Regeln der Kunst verknotet. Mein vorsichtiger Hinweis auf meine nicht ganz so dreh- und dehnfreudige, weil lädierte linke Hüfte, wird dahingehend gedeutet, diesem Bereich noch größere Aufmerksamkeit widmen. Zu guter Letzt nimmt das kleine Wesen meinen Kopf in beide Hände und reißt ihn mit einer Wucht nach rechts, dass mir schlagartig die Existenz jeglicher Knöchelchen, Sehnen, Muskelfasern und Bänder in meinem Nacken bewusst wird, und ich kurz Sternchen sehe. Nach einer endlosen Stunde, in der unser gesamtes Endoskelett gründlich desintegriert wurde, werden wir wieder entlassen. Nicht, dass wir noch laufen können, aber irgendwie machen wir unseren Weg nach Hause und beschließen: nie wieder Valentinstag.